Montag, 17.10.2005

Gut oder nicht gut?!

So viel steht fest: Das gestrige Rennen war das Schlimmste in meinem bisherigen Triathlon-Leben. Lange Zeit habe ich mich gefragt, was ich überhaupt auf dem Rad mache, und oft wollte ich mein schönes F10 in die Lavafelder schmeissen. Letztendlich jedoch habe ich das Ding beendet. Und trotz aller Enttäuschung über meine Leistung, bin ich doch glücklich die Ziellinie erreicht zu haben, und den (Kopf-) Kampf gegen meinen inneren Schweinehund gewonnen zu haben. Unterm Strich bleibt also: Ich habe zum dritten Mal den Ironman-Hawaii geschafft. Meine Zeit gestern: 10 Stunden, 23 Minuten.



Dreifacher Hawaii-Ironman glücklich im Ziel

Aber der Reihe nach. Am Freitag, als ich an dieser Stelle schrieb, dass ich mich sehr schwach fühlte, wurde ich tatsächlich krank. Alle Gelenke taten mir weh, und nachdem Lars mir sein Fieberthermometer gegeben hatte, und dieses 38.1 Grad Celsius anzeigte, wussten wir auch, dass ich mir mein Schwächegefühl nicht nur einbildete. Ich habe in der folgenden Nacht einige T-Shirts durchgeschwitzt, aber Besserung war am Rennmorgen nicht zu sehen. Immernoch zeigte das Messgerät 38.1 Grad an.



Ohne Druck auf der Palani-Road

Ich hätte gern mit einem Arzt telefoniert, um einen Rat einzuholen, ob es vernünftig ist, mit dieser Temperatur an den Start zu gehen. Allein, ich wusste nicht, wen ich anrufen sollte. Also beschloß ich, mich der Aufgabe zu stellen.

Beim Schwimmen fühlte ich mich eigentlich auch ganz gut. Als ich jedoch aus dem Wasser stieg, hatte ich starke Kopfschmerzen. Das die Leistung nicht so toll war, belegte auch die Zeit. 1:12 Stunden hatte ich im Wasser verbracht. Na ja.



Mit Druck bei Kilometer 120 auf dem Highway

Richtig schlimm wurde es jedoch auf dem Rad. Ich hatte null (und wenn ich schreibe null, dann meine ich null) Druck. Auf dem Highway, wo ich sonst im Training in Aeroposition mit 35 Sachen gefahren war, fuhr ich aufgerichtet mit den Händen am Oberlenker. Athleten überholten mich, die ich sonst im ganzen Rennen nicht gesehen hätte, es sei denn nach den Wendepunkten. Es war einfach ein Alptraum. Wahnsinn.

Ich musste mir also die Frage stellen, ob das hier alles überhaupt irgendeinen Sinn machte. Aber konnte ich aufgeben, wo in den letzten Wochen hunderte Menschen diesen Weblog angeklickt,und somit großes Interesse an der Leistung eines Mittelmaß-Triathleten gezeigt hatten? Nö! Ich kam zu der Überzeugung, dieses Ding zu beenden. Egal wie. Ich sah mich in meiner Vorstellung schon im Dunkel den Marathon abwandern, geschmückt mit Leuchtstäbchen, welche die Race-Marshalls den letzten Athleten aus Sicherheitsgründen umhängen.




Beim Laufen auf dem Highway sah es recht gut aus

Es war eine Tortur. Der Weg hoch nach Hawi zog sich wie Kaugummi, und letztlich hielt ich sogar zum Wasserlassen an - spielte ja eh keine Rolle mehr. Ich war einfach überhaupt nicht im Rennen. Schubbelte nur rum. Keine Chance, gegen die Schwäche anzukämpfen, es war einfach nichts da!! Und das bis Kilometer 120! Nichts da! Überhaupt nichts. Nada. Ätzend.

Bei Kilometer 120 jedoch spürte ich plötzlich ein wenig aufkommende Kraft. Und die nutzte ich. Auf den letzten 60 Kilometern der Radstrecke bin ich dann an rund 150 Leuten vorbeigerauscht. Und ich wußte nicht, ob ich mich freuen sollte, dass es endlich lief, oder ob ich noch frustrierter sein sollte, weil es vorher so überaus mies war.



Müder Blick, aber wacher Wille - es ging voran

Ich entschied mich für positives Denken und setzte alles daran, möglichst schnell voranzukommen. So wie das Rennen bisher gelaufen war, wollte ich doch zumindest darum kämpfen, als Daylight-Finisher über die Ziellinie zu laufen. Das bedeutete, dass ich versuchen musste die elf Stundenmarke zu unterbieten. Das Rad stellte ich letztlich nach rund 5:36 Stunden ab, was einem 33,3er Schnitt gleich kam. Ohne Worte.

Den Marathon lief ich recht vorsichtig an. Trotzdem hatte ich schon nach Kilometer eins eine riesige Blase unter dem rechten Fußballen. Super, so was wünscht man sich, wenn man noch 41 Kilometer vor sich hat. Von jetzt an hatte ich nur noch ein Ziel: Nicht stehen bleiben, immer weiter laufen.

Nach rund 15 Kilometern, ich hatte mich wieder hoch zum Highway gekämpft, lief es dann richtig gut, und ich sammelte weiter Athleten ein. In diesem Jahr war während des Rennens ungewöhnlich wenig Wind, was zwar auf dem Rad sehr schön ist, auf der Laufstrecke jedoch für tierische Hitze sorgte.



Gehen bei der Verpflegung im Energy-Lab


Es galt also: Kühlen, kühlen und noch mals kühlen! In jeder Verpflegungsstation schnappte ich mir zuerst drei Schwämme. Dann griff ich zwei Becher mit kaltem Wasser, welche ich mir über den Kopf schüttete. Es folgte ein Becher Cola, den ich gierig in mich hinein schluckte, dann wieder zwei Becher Wasser über den Kopf. Letztlich wischte ich mit den Schwämmen meine Arme und den Nacken ab, und weiter ging es Richtung nächster Verpflegungsstation. In der Tat sind diese Erfrischungsstände das einzige, was mich während dieses Hitzerennens motiviert, weiterzumachen.



Humor hat, wer trotzdem lacht. Mut der Verzweiflung

Irgendwann, es ging auf die letzten zwölf Kilometer, musste ich jedoch bei den Verpflegungsstellen gehen. Meine Kraft neigte sich dem Ende. Es gelang mir jedoch immer wieder, nach zwanzig, dreißig Meter, mit dem Laufen weiterzumachen. Und so ging es mit jedem Schritt dem Ziel entgegen. Immer wieder schaute ich auf mein Armbändchen. "Wille ist alles", stand da, und so widerstand ich der Versuchung zu gehen. Außerdem waren Lars und Thomas die ganze Zeit auf dem Highway in meiner Nähe, und versuchten mich aufzumuntern. Sie haben mir nie gesagt, was sie denken,wenn ich schrecklich stöhnende Laute von mir gebe, gerade so, als bräche ich jeden Moment zusammen.



Mit Thomas Hellriegel (Platz 35) im Zielbereich

Jutchen, ich bin nicht zusammengebrochen. Am oberen Ende der Palani-Road, als noch eine Meile, oder rund 1600 Meter zu laufen waren, blickte ich Thomas zum letzten Mal an, bevor er ins Ziel vorfuhr - mit geballter Faust. Ich wußte, ich würde es schaffen. Und ich wußte, dass mein Marathon mich zurück ins Rennen gebracht hatte. Die letzten tausend Meter waren furios, der Lauf auf der Zielgeraden unvergesslich. 10.23 Stunden stand auf der Anzeigetafel, und ich war plötzlich doch sehr zufrieden. Vor allem, weil ich es geschafft hatte, mich weder von zunehmender Frustration noch von erhöhter Temperatur, unterkriegen zu lassen.

Es dauerte nur ein paar Sekunden, da tauchte Thomas auch schon auf, und ich fiel ihm in die Arme. Herrlich! Ein Freund, ein echter Freund...



Mit Lars vor den Massagebänken

Es folgte ein Massage. Dann ein Bier mit meinen zwei Freunden (Lars musste noch den Wagen wegbringen und hatte etwas länger gebraucht).

Was bleibt unter dem Strich. Soll ich zufrieden sein, oder enttäuscht? Enttäuscht, weil ich doch eigentlich in diesem Jahr stärker war denn je. Bei den Windverhältnissen hätte ich vielleicht meinen Traum von der Zehn-Stunden-Marke auf Hawaii erreichen können.Zufrieden, weil ich - wie ich glaube - unter den Gegebenheiten, das Beste herausgeholt habe. Und letztlich, bestärkt durch die ersten Telefonate mit der Heimat, entscheide ich mich für Zufrieden.



Wer sieht kaputter aus, Athlet oder die Betreuer?!

Welch ein Wechselbad der Gefühle. Auf der Radstrecke hatte ich gedacht, dass ich mich nicht wundern müsse, wenn die Weblogleser mir den Eisenstatus aberkennen würde. Im Ziel, die Realität, dieses Ding hier zum dritten Mal gepackt zu haben.

So, das soll es jetzt für heute sein. Ich werde erstmalig an den Strand gehen und ein Bierchen trinken. Ganz im Ernst: Nach einem Ironman-Tag, mit all dem süßen Kohlehydrat-Zeug, muss man einfach etwas herzhaftes zu sich nehmen!

Ich hoffe, ich konnte mein Rennen einigermaßen darstellen. Von jetzt an, wird dieser Weblog wohl ein wenig Richtung Reisebericht abdriften. Und ich kann nicht einmal sagen, dass ich darüber unglücklich bin.

Ersteinmal erneut Vielen Dank an Alle, die mir die Daumen gedrückt haben. An Euch hat es nicht gelegen, dass ich körperlich nicht voll auf der Höhe war. Danke, Danke, Danke! Wir hören.

Herzlichst, mathias

Kommentare und Trackbacks

franky kommentiert:

Mathes, einfach genial wie Du das wieder hingebogen hast. Glückwunsch an Dich, Deine Leistung und Willenskraft. Ich hoffe
Du bleibst dabei, damit wir (Tri Team Allgäu) in AK 40 zusammen mal richtig an der Kurbel drehen.
franky
franky | 17.10.2005 - 07:57

olaf kommentiert:

Ein interessierte Leser und Hobysportler gratuliert Dir zu deiner Leistung. Nach deiner Willenskraft darft Du dich als der Sieger fühlen. Respekt und Hut ab.
Olaf
olaf | 17.10.2005 - 08:50

Horst kommentiert:

Gratulation zu Deiner Leistung unter diesen Umständen. Deine Berichte waren sehr erfrischend. Gönne Dir noch einen schönen Urlaub. Ich komme am Mittwoch für drei Wochen nach Kona (Urlaub).
Horst | 17.10.2005 - 09:18

Sunny kommentiert:

Würde ich einen Hut tragen, dann würde ich ihn jetzt vor Dir ziehen. Der absolute Wahnsinn - toll. Und wann fängst Du mit dem Trainieren für nächstes Jahr an? ;-)
Sunny | 17.10.2005 - 09:20

Ben Andersch kommentiert:

Hey Matthis,
einfach grandios Alter! Herzlichen Glückwunsch und vor allem Respekt.
Erhol dich gut und genieß´noch die Tage dir dir unten bleiben.

Bis bald in HH,
Benito Serpentini
Ben Andersch | 17.10.2005 - 09:30

Frank W. kommentiert:

Unter solch schlechten Voraussetzungen, so ein Ding abzuliefern, verdient echt Respekt! Deshalb einen riesen Glückwunsch aus Köln.
Genieß deinen wohl verdienten Urlaub!
Frank
Frank W. | 17.10.2005 - 09:35

Carsten kommentiert:

Mann, Mann, Mann. Größte Hochachtung. Was bedeutet schon eine Zeit? Die Geschichte dahinter is entscheidend. Bist echt ein Willenskünstler. So ein Marathon hinten drauf ist der Hammer.

Erhol dich gut.
Carsten
Carsten | 17.10.2005 - 09:51

Guido Bennecke kommentiert:

Kompliment !!! Ich kenne genug Leute,die würden Ihren linken Arm geben für eine Marathonzeit von 3:34:00,ohne Schwimmen und Laufen !
Guido Bennecke | 17.10.2005 - 10:30

Michael Maier kommentiert:

Furchtbare Weicheier - deine Kommentatoren!!!
Michael Maier | 17.10.2005 - 12:10

Andrea Memminger kommentiert:

Geniale Leistung, auf die du sehr sehr stolz sein kannst, Hammer! Als Hueckeswagenerin habe ich Dir natuerlich die Daumen gedrueckt!
Regenier Dich gut :-)
Andrea Memminger | 17.10.2005 - 13:14

Hilmar kommentiert:

Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank für Deine hautnahen, packenden Berichte!
Gute Erholung, wünsche ich Dir!
Hilmar | 17.10.2005 - 16:32

jochen kommentiert:

Toller Bericht erhol dich gut . RESPEKT
jochen
jochen | 17.10.2005 - 17:11

Sony kommentiert:

Hi Mattes,
Schützen sind halt mega-willensstark (ich ja auch - nur nicht beim Triathlon..:)). Wir sind sehr stolz auf Dich! Jetzt kannst Du direkt bei den California Dream Boys einsteigen. Viele Grüße an Thomas (was is nun mit Platzreife für mich?) und an den Dänen! Erhol Dich gut, Du hast es Dir verdient.
Sony | 17.10.2005 - 20:45

elli kommentiert:

mattes! bin so stolz auf dich! scheiß auf die zeit. du hast es wieder mal gepackt. wo nimmt er nur die kraft her... freu mich auf dich übernächstes woe in HH!!! dicken kuss von elli
elli | 18.10.2005 - 10:53

Anne kommentiert:

Das macht mich fast sprachlos. Sehr beeindruckende Schilderung.
Glüclwunsch
Anne | 25.10.2005 - 10:46

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